Sonntag, 18. Januar 2015

Vom Wert der Dinge

Meine Oma war nach dem Ersten Weltkrieg in einem Internat im Odenwald. Es war nicht gerade eine „Höhere-Töchter-Schule“, aber für eine Bauers-Tochter war das schon was. Meine Oma war zeitlebens stolz darauf. Sie lernte dort alles, was man für die Führung eines großen Haushaltes können musste. Unter anderem auch nähen. Dort hat sie für sich eine komplette Aussteuer genäht. Bettwäsche, Tischwäsche, Küchenwäsche, Nachthemden und Unterwäsche. Von Hand wohlgemerkt, nicht mit der Nähmaschine. Die Nähte mussten gleichmäßig und fein sein, vieles wurde noch mit Stickereien oder Hohlsaum verziert. Alles war zweckmäßig, aber alles war auch schön.

Fast 100 Jahre später sind noch einige Stücke dieser Aussteuer erhalten. Sie wurden viel genutzt, aber auch gepflegt und sorgsam behandelt. Mittlerweile sind sie Antiquitäten, aber immer noch schön. Wenn sie nicht mehr ganz zu gebrauchen sind, werden Stücke davon in anderer Weise weiterverwendet. Weil sie zu schade zum Wegwerfen sind. Sie sind WERTvoll. 

Heute kaufen wir Dinge, benutzen sie eine Zeitlang und werfen sie weg. Die Dinge kosten vielleicht nicht mehr so viel, sie taugen aber auch nicht mehr ein Leben lang. Eine Wegwerfgesellschaft. Die Sachen sind auch gar nicht mehr für's Reparieren ausgelegt. Früher konnte man ein Bügeleisen aufschrauben, heute ist es vernietet. Oder man braucht Spezialgerät dafür. Oder die Reparatur ist teurer, als die Anschaffung eines neuen Gerätes. Irgendwie verrückt, oder?

Ich kann und will natürlich nicht die Zeit zurück drehen. Ich weiß schon auch, dass früher nicht alles schöner und besser war. Ich nutze auch sehr gerne die Annehmlichkeiten der Gegenwart. Aber ich habe für mich erkannt, dass ich mich zumindest in meiner kleinen, privaten Welt wieder mit schöneren, hochwertigeren, vielleicht auch „beseelteren“ Dingen umgeben will. Die langlebig sind und die ich, wenn sie kaputt sind, reparieren (lassen) kann. Oder ohne schlechtes Gewissen zurück in den Kreislauf geben kann. Diese Sehnsucht fließt in mein Projekt „schön und praktisch!“, dafür nähe ich gerade Servietten, Topflappen und Zeug. Nicht von Hand, sondern mit meiner Nähmaschine, aber doch von mir gemacht. Es macht jede Menge Spaß und die fertigen Sachen machen mich ein bisschen stolz und zufrieden. Und während ich so vor mich hinnähe, sinniere ich halt über den Wert der Dinge ... ;-)

Kommentare:

  1. Du sprichst mir aus der Seele. In vielen Dingen, die du in deinen Beiträgen schreibst. Auch ich bin ein Verfechter des Alten, habe viele Dinge von meiner Mutter, von einer Tante, einer Oma. Und kaufe gelegentlich alte Leinengeschirrtücher, Servietten etc. Ich liebe dieses edle Material und lege es gerne mal für Besuch auf. Und ich kann es nicht ausstehen, wenn man einfach hirnlos etwas wegwirft, weil es ja billig war. Ein neuer Trend, der sich rächen wird. An der Gesundheit der Kinder, die folgen. Denn irgendwohin muss der Müll ja wohl.

    Gerade habe ich ein hochwertiges Elektrogerät einer französischen Firma zurückgegeben, es war sofort kaputt. Es hat so viel Geld gekostet. Das Gleiche hatte ich vorher, es hielt genau bis nach der Garantie. Dahinter sehe ich Absicht. Dann eben nicht. Dann kommen die Kartoffeln eben wieder in den Backofen.
    Autos kann man ja heute auch nicht mehr selber reparieren, da braucht man schon ein Diplom um die Glühbirne auswechseln zu können, damit man ja auch in die Werkstatt fahren muss. Grundsätzlich kaufe ich nur hochwertige Dinge, meist halten sie länger, in der letzten Zeit habe ich allerdings damit auch ein Problem daran zu glauben.

    Sigrun

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    1. Jetzt sprichst du mir aus der Seele!
      LG Jutta

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  2. Wahr gesprochen, äh geschrieben! Liebe Jutta, dein wunderschöner post sprach mich schon durch Fotos aus alten Zeiten sehr an und ich fand gerade die unterstrichen durch ihre Patina noch deine Worte.
    Die Dinge, Tücher, Kissen, etc., die die Mãdchen auf den Fotos gefertigt haben, sind immer noch da, sind immer noch in Gebrauch, zumindest Teile davon.
    Dabei zeigen uns die Fotos doch, das ist längst vergangen, das ist Jahrzehnte her.
    Wie heißt es doch so schönes: Gutes bleibt!!
    Und darum finde ich es gut, dass du uns, mich dies Jahr da immer mal wieder mit der Nase draufstößt.
    Ich freue mich drauf!!
    Hab einen schönen Sonntag und ganz liebe Grüsse,
    Monika

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  3. Liebe Jutta, deine Gedanken sind gesund! Sie entschleunigen, machen zufrieden und stiften Gemeinschaft. Gemeinsam stricken , backen und basteln etc. .Gibts was schöneres?

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  4. Je älter ich werde, um so mehr weiß ich den Wert der alten und vor allem selbstgemachten Dinge zu schätzen. Die Hemmschwelle, diese Dinge zu entsorgen, ist sehr, sehr hoch. Ich habe auch noch einiges von Mutter und Oma. Und ich denke, auch ich werde es eines Tages vererben. Nur so kann das Alte erhalten werden.
    Und auch so werfe ich nur wenig weg, außer, es ist kaputt. Wenn ich es nicht mehr brauche, versuche ich, es weiterzugeben. Ein Abnehmer findet sich meistens.

    Viele Grüße
    Margrit

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  5. Danke für den persönlichen Einblick und die schönen Fotos! Solche Lieblingsstücke sind einfach fantastisch und viel toller als mal kurz gekaufte Sachen.
    Liebe Grüße

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  6. Du sprichst mir aus der Seele. Dinge so gestalten und herstellen, dass sie nicht nur Jahr(zehnt)e halten, sondern auch ebenso lange erfreuen. Ich hüte meine Erbstücke sorgsam und wenn ich könnte, würde ich alles selbst herstellen. Sorgsam, durchdacht und mit Liebe gemacht. Nie käme auf die Idee so wertvolles Kulturgut/Handwerk freiwillig aufzugeben und finde Dein Projekt "schön & praktisch" wunderbar und nachahmenswert.
    Lieben Gruß!

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  7. Hallo, ich kenne Deinen Blog noch nicht so gut, da habe ich mir heute gedacht, schaue ich mal nach, was Du im Januar 2015 geschrieben hast. Ich steige gerade auf Stofftaschentücher um, zumindestens für mich . An
    Servietten habe ich noch gar nicht gedacht. Nähen kann ich noch nicht, aber seit zwei Jahren besitze ich eine Nähmaschine. Mal sehen was passiert.
    Liebe Grüße
    die Sammlerin

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    1. Liebe Sammlerin, willkommen auf meinem Blog!
      Liebe Grüße
      Jutta

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